EMDR-Fachartikel

Oliver Schubbe: EMDR in der Therapie psychisch traumatisierter Kinder.
Manuskript für C. Eschenröder, Augenbewegungsdesensibilisierung und

Neuverarbeitung traumatischer Erinnerungen - EMDR nach Francine Shapiro

(Arbeitstitel). DGVT-Verlag, im Druck.

 

I. Einführung

Die Kindheit, vor allem die ersten Jahre, gelten als die Zeit, in welcher die
menschliche Psyche im Tiegel der Lebenserfahrung grundlegend geformt und

geprägt wird. Extremerfahrungen können die relativ stabile Psyche eines

Erwachsenen in pathologischem Maße beeinträchtigen. Im Kindesalter wirkt sie

sich besonders stark auf die Entwicklung der Gesamtpersönlichkeit aus (Pynoos

et al., 1995). Ausgehend von einer entwicklungspsychologischen Perspektive

werden in diesem Beitrag allgemeine Prinzipien der Traumatherapie Kindern und

Möglichkeiten beschrieben, EMDR mit Kindern zu praktizieren. Mehrere

Fallstudien haben gezeigt, daß EMDR für Kinder mindestens ebenso hilfreich ist

wie für Erwachsene (Chemtob, C. M., 1996; Cocco & Sharpe, 1993; Greenwald,

1993, 1994; Pellicer, 1993; Puffer et al., 1996; Scheck et al., 1996; Shapiro,

1991; 1995, S. 276-281).

 

II. Psychische Traumatisierung und ihre Folgen für die kindliche Entwicklung

Psychische Traumatisierung im Kindesalter kann als eine das Kind in seiner
psychischen Entwicklung überfordernde Lebenserfahrung verstanden werden, der es

wehrlos, hilflos und unentrinnbar ausgeliefert ist, wie bei körperlicher

Mißhandlung, sexuellem Mißbrauch, bestimmten Formen der Vernachlässigung, beim

Verlust der Eltern, bei Unfällen und Katastrophen. In einer solchen Situation

überfluten starke innere und äußere Eindrücke die kindliche Wahrnehmung. Kinder

haben weniger Möglichkeiten als Erwachsene, belastende Erfahrungen psychisch

abzuwehren und zu bewältigen. Situationen, die für Erwachsene noch angemessen

und vielleicht sogar besonders erregend sind, können möglicherweise die Psyche

eines Kindes bereits überfordern und überfluten.

Traumatische Sinneserfahrungen und damit verbundene Gedanken, Gefühle,
Körperempfindungen und Verhaltensmuster können aufgrund der Überlastung der

Sinnessysteme nicht mehr auf gewohnte Weise ins Gedächtnis eingeordnet werden.

Es fehlt dann die Verarbeitungskapazität, die neuen Erfahrungen bereits

bestehenden Kategorien und Schemata richtig zuzuordnen oder gegebenenfalls neue

zu bilden. Psychische Symptome treten auf, wenn derart unvollständig

zugeordnete Erinnerungen gezielt oder unwillkürlich aus dem Gedächtnis

abgerufen werden. Bewältigungsstrategien solcher Symptome können selbst eine

Störung bilden, wenn sie sich im Alltag als dysfunktional erweisen.

Sinneserfahrungen aus traumatischen Situationen kehren als Flashbacks
(unkontrollierbar auftauchende Erinnerungsbilder) wieder; aus der traumatischen

Situation stammende Gedanken werden zu negativen Überzeugungen über die eigene

Person; zum Zeitpunkt des Traumas angemessene Gefühle und Körperempfindungen

verunsichern, indem sie sich plötzlich in allen möglichen Gegenwartssituationen

wiederholen; und unverarbeitete Verhaltensmuster aus der traumatischen

Erfahrung können zu sogenannten Reinszenierungen führen: zu Wiederholungen von

Verhaltensmustern aus der traumatisierenden Situation in Opfer-, Täter- oder

Helferrolle.

Kinder bilden im Verlauf ihrer Entwicklung nach und nach kognitive Schemata, in
welche sie neue Erfahrungen aufnehmen und einordnen (Assimilation), die sie

aber auch erweitern und ergänzen können (Akkomodation). Traumatische

Erinnerungen überfordern die altersgemäße Fähigkeit des Kindes, neue Eindrücke

in symbolische und sprachliche Schemata einzuordnen, z.B. in das

Realitätsschema (Zu wissen: "Es ist wirklich passiert"), ins Selbstbild ("Ich

war es, dem es passiert ist") oder ins Zeitschema ("Es ist vorbei"). Besonders

schwer können Kinder die Verantwortung für die Traumatisierung richtig

zuordnen. Bei Traumatisierungen durch Familienmitglieder führen Gefühle wie

Scham, Schuld, Wut und Rachegefühle zum Konflikt mit der Loylität gegenüber der

Familie und dem Grundgefühl der Zugehörigkeit.

Erfahrungen und Umgebungsreize zum Zeitpunkt des Traumas konnten aufgrund der
starken sinnlichen Überreizung nicht differenziert im Gedächtnis verarbeitet

und gespeichert werden. Somit wurden auch nebensächliche Details wie z.B.

Tapetenmuster, Farben oder bestimmte Gerüche an die Angsterfahrung gekoppelt

mit der Folge, daß nun jeder solche Reiz schon alleine die gesamte

Angstreaktion auslösen kann. Eine solche Gefahrreaktion äußert sich in Impulsen

zu aggressivem (Verteidigungsreaktion), vermeidendem (Fluchtaktion) und

reflexhaft gelähmtem Verhalten (Todstellreflex) und ist fast immer von

physiologischen Streßerscheinungen begleitet. Häufige Streßreaktionen des

Körpers ohne reale Gefahr irritieren das Vertrauen des Kindes in seine

Körperwahrnehmung und seine Gefühle.

Die Entwicklung der Fähigkeit, tiefe Gefühle differenziert auszudrücken, ist
bei traumatisierten Kindern oft behindert: Schwierigkeiten, Gefühle in Worte zu

übersetzen, behindern die Flexibilität des Handels und Reagierens und fördern

Impulshandlungen. Und erst die Fähigkeit zur symbolischen Repräsentation

traumatischer Erfahrungen reduziert überflutende Angstgefühle und körperliche

Streßkorrelate (Van der Kolk & Fisler, 1994).

Der Verlust der Fähigkeit, die Intensität von Gefühlen und Handlungsimpulsen zu
kontrollieren, ist für Kinder die weitreichendste Folge traumatischer

Belastungen. Die innere Selbstregulation wird besonders leicht gestört, wenn

eine sichere Bindung zu den Eltern fehlt. Wenn die innere Selbstregulation

nicht ausreicht, den emotionalen Zustand erträglich zu machen, versuchen

Kinder, diesen mit Hilfe von äußerem Verhalten zu regulieren. Hierzu zählen

aggressive und selbstschädigende Handlungen, Eßstörungen und Sucht. Die

Fähigkeit zur Steuerung innerer Zustände beeinflußt wiederum das Selbstbild wie

auch das Bild von Anderen und der Welt.

Schon eine einmalige Traumatisierung gefährdet frisch bewältigte und
nachfolgende Entwicklungsschritte, und zwar nicht nur direkt, sondern in

Interaktion mit der sozialen Umgebung und den Lebensverhältnissen, z.B. mit

familiären und sozialen Erwartungen, die auf die innerpsychische Entwicklung

zurückwirken (Pynoos et al., 1995).

Einige Kinder erwerben aufgrund früher traumatischer Erfahrungen eine
Bindungsstörung, d.h. sie entwickeln dysfunktionale Verhaltensmuster gegenüber

Bezugspersonen, auf die sie existentiell angewiesen sind. Es handelt sich meist

um unauffällige Verhaltensmuster, die weder Andere noch das Kind zu schädigen

scheinen, die es jedoch Bezugspersonen extrem schwer machen, die Beziehung zum

Kind zu vertiefen. Oft sind ihnen die Gründe für die emotionale Ablehnung nicht

klar. Eltern beklagen, daß die Kinder emotional nichts zurückgeben würden

(James, 1989). Dies führt über Ablehnung, Aggression und Ausgrenzung oft zu

mehrfach wechselnder Fremdunterbringung, die schon für sich genommen für Kinder

eine traumatisierende Erfahrung darstellt (Doyle & Bauer, 1989) und dem Kind zu

bestätigen scheint, daß es von niemandem gewollt ist und die Welt kalt und

gefühllos ist. Therapeuten und Sozialarbeiter sollten diese Dynamik verstehen,

um traumatisierte Kinder nicht unnötig durch Beziehungsabbrüche oder

Beziehungswechsel zu belasten. (James, 1989).

 
 

III. Unterstützung der Traumaverarbeitung

Die Verarbeitung traumatischer Erinnerungen führt von noch sehr sinnesnahen
Erinnerungen in Form von Flashbacks zur Bildung einer narrativen Struktur aus

erzählbarer realer Erinnerung und Bewältigungsphantasien. Wesentlich für die

Bewältigung die innere Vorstellung, in der das Kind probehandeln und eine

Auflösung finden kann. Diese Vorstellungen lassen sich in fünf Kategorien

einteilen: 1. Phantasien zur Variation der traumatisierenden Ereignisse, 2.

Ideen und Handlungspläne zur Unterbrechung der traumatisierenden Ereignisse, 3.

Handlungspläne über alternative Ausgänge statt Tötung oder Verletzung, 4.

Rachephantasien ohne Selbstgefährdung, 5. Handlungspläne zur Vermeidung

zukünftiger Traumatisierung (Pynoos et al., 1995).

Kinder entwickeln die narrative Struktur für traumatische Erinnerungen am
besten zusammen mit Menschen, an denen sie sich dabei orientieren können. Hat

ein Kind die kognitiven Schemata und sprachlichen Kategorien zur Beschreibung

der traumatischen Erfahrung noch nicht gebildet oder zugeordnet, braucht es

Unterstützung von außen. Das Kind braucht Erwachsene, die mit gestalterischen

oder sprachlichen Mitteln seine noch nicht versprachlichten Erinnerungen

ansprechen und ihm dazu altersgemäße Sprachkategorien anbieten. Dies kann

beispielsweise im Gespräch über Alpträume oder über Zeichnungen gelingen, über

eigens für das Kind über die traumatische Erfahrung verfaßte Märchen oder im

Dialog eines Rollenspiels. Nur über das Trauma zu reden genügt bei Kindern

nicht, um traumatische Erinnerungen zu verarbeiten, weil dies eine narrative

Struktur der Erinnerung voraussetzt, die erst durch die Verarbeitung im Verlauf

der Therapie erreicht werden kann. Symbolische Mittel in der Therapie erlauben

dem Kind, was ihm die Sprache verweigert: altersgerecht unaussprechliche,

abgespaltene und unbewußte Inhalte zu integrieren (Schubbe, 1994). Schon

Erwachsenen fehlen nach traumatischen Erfahrungen oft die Worte und

sprachlichen Kategoreien, um ihre Erfahrung zu beschreiben. Umso mehr gilt dies

für Kinder, deren Sprache und Begrifflichkeit für innerpsychische Vorgänge erst

in der Entwicklung begriffen ist.

Nach den von Shapiro (1995) beschriebenen Wirkmechanismen regt wechselseitiges
Händetippen oder jede andere bilaterale Stimulation das

Sprachgenerationszentrum im Gehirn an. Shapiro beschreibt verschiedene Formen

des Vorgehens mit EMDR bei Kindern (S. 276-281). Die bilaterale Stimulation

kann sowohl mit der Vorstellung der traumatischen Situation, mit dem Malen

eines Bildes, einer anderen Form der kreativen Gestaltung oder mit

therapeutischem Märchenerzählen verbunden werden. In diesem Beitrag wird das

Beispiel des Märchenerzählens näher erläutert.

IV. Rahmenbedingungen

Viele Kinder verarbeiten traumatische Erfahrungen im Verlauf weniger Monate
ohne bleibende Schäden für ihre Entwicklung. Andere bewältigen ihre psychische

Traumatisierung, indem sie sie verdrängen oder aktiv alles meiden, was sie

daran erinnern könnte. Diese Bewältigungsstrategie kann lange funktional sein.

Therapie benötigen nach einer traumatischen Erfahrung diejenigen Kinder, denen

die Bewältigung und Verarbeitung nicht gelingt. Die Therapie traumatisierter

Kinder erfordert folgende Rahmenbedingungen:

1. Wirksame Psychotherapie erfordert für Kinder zuallererst, vor erneuten
Traumatisierungen geschützt zu sein. Ist ein Kind akut gefährdet, so verstärkt

mangelnde Reaktionsbereitschaft von Eltern, Familie, Schule, Jugendamt, Polizei

oder Gerichten nicht nur die Angst des Kindes, sondern fördert auch primitive

Formen der Angstbewältigung. Über die objektive Sicherheit hinaus benötigt ein

traumatisiertes Kind einen auch subjektive Sicherheit vermittelnden

therapeutischen Rahmen, der dem Kind im Gegensatz zur traumatisierenden

Situation die Möglichkeit bietet, sich gegen das Vorgehen zu wehren, Verbündete

mitzubringen, sich Hilfe zu holen und - je nach Alter - jederzeit in Betreuung

den Therapieraum zu verlassen. Shapiro (1995) empfiehlt Kindern, ihr

Lieblingstier in die Therapie mitzubringen.

Selbstverständlich sollte es sein, daß das Kind den Namen des Therapeuten
kennt, daß es den Ausgang zur Straße kennt und weiß, wie es die Elternperson

erreicht, mit der es die Therapie jederzeit verlassen kann. Die Verarbeitung

der traumatischer Erfahrungen kann in der Therapie erst beginnen, wenn sich das

Kind nach eigenem Ermessen sicher fühlt. Von außen betrachtet kann

bespielsweise eine stationäre Einrichtung ein Kind sehr weitgehend vor erneuter

Traumatisierung schützen, während die Fremdunterbringung das Kind vielleicht

tief beunruhigt. Die Rolle, das Kind vor weiteren traumatischen Erfahrungen zu

schützen, sollten nach Möglichkeit die Eltern ausfüllen, ersatzweise der

zuständige Sozialarbeiter, das Gericht oder die Polizei; keinesfalls jedoch

darf diese Rolle unbesetzt bleiben.

2. Die Geschwindigkeit des Kindes bei der Auseinandersetzung mit traumatischen
Inhalten soll immer respektiert werden, denn Kinder haben eine schwächere

psychische Abwehr und weniger Bewältigungsmöglichkeiten als Erwachsene. Der

Therapeut hat in der Therapie die Aufgabe, das Kind sehr genau zu beobachten,

um die Konfrontation des Kindes mit seinen traumatischen Erinnerungen richtig

zu dosieren. Wird die Behandlung mit Hilfe eines therapeutischen Märchens

durchgeführt, sollte das Kind immer Augenkontakt zum Erzähler des Märchens

haben; und umgekehrt sollte der Therapeut das Märchen unterbrechen, sobald der

Augenkontakt für längere Zeit abreißt.

3. Um eine traumatische Erfahrung in der Therapie zu verarbeiten, benötigt ein
Kind mindestens einen Menschen, zu dem es eine stabile und von Vertrauen

getragene Beziehung hat. Denn Kinder verarbeiten ihre traumatische Erfahrung am

besten im Kontakt und im Dialog. Viel mehr als Erwachsene sind sie auf die

gemeinsame, auf die "Co"-Konstruktion ihres Bildes von sich selbst und der Welt

angewiesen. Dafür sind die meisten Eltern ideale Partner, sofern sie ihr Kind

nicht selbst traumatisiert oder dies wissentlich zugelassen haben.

4. Um Erinnerungen zu verarbeiten, die das Kind zunächst geheimhalten mußte
oder über die im Kreis der Familie nicht gesprochen wurde, benötigt es die

Erlaubnis mindestens einer Elternperson, nun über alles zu sprechen. Diese

Erlaubnis sollte dem Kind entweder von den Eltern direkt gegeben werden, oder

indirekt, indem die Eltern als erste beginnen, über das Geheimnis zu sprechen.

Es ist nicht sinnvoll und einem Kind nicht zuzumuten, in der Therapie über ein
Geheimnis zu sprechen, das die Eltern noch aufrechterhalten. Dies bringt ein

Kind in einen Loyalitätskonflikt, in dem es sich entweder gegen seine eigenen

Interessen oder gegen seine Eltern entscheiden muß. Die meisten Kinder

entscheiden sich in einem solchen Konflikt grundsätzlich immer für die Eltern,

beachten elterliche Redeverbote und wahren Familiengeheimnisse. Eine Ausnahme

bilden Kinder, die von sich aus ein Geheimnis oder Redeverbot in der Therapie

brechen: dann ist es auch richtig, darauf einzugehen, dabei jedoch den

Loyalitätskonflikt im Auge zu behalten.

Wenn Kinder Therapeuten belastende Geheimnisse anvertrauen, die sie keinem
Anderen mitgeteilt haben, ist es Aufgabe des Therapeuten, eine dritte Person

(z.B. Fachberater, Supervisor) ins Vertrauen zu ziehen. Können die Eltern eine

Wiederholung der Traumatisierung nicht verhindern, muß sowieso das Jugendamt

eingeschaltet werden. Je älter das Kind ist, desto wichtiger ist es, es aktiv

zu beteiligen anstatt zu übergehen. Einerseits sind belastende Geheimnisse

Therapeuten ebensowenig zuzumuten wie Kindern, andererseits braucht das Kind

Vorbild und Anleitung dafür, wie es sich von belastenden Geheimnissen befreien

kann.

 

V. Durchführung der Therapie bei der Kombination von therapeutischem Märchen
und EMDR

Die hier beschiebene Kombination von EMDR und familienorientiertem
Märchenerzählen wurde zuerst von Dr. Joan Lovette aus Berkeley berichtet, die

ihre Arbeit 1996 auf dem EMDR-Kongreß in Denver vorstellte (Lovett, 1996).

Bei Kindern vor dem Grundschulalter eignen sich zur wechselseitigen Stimulation
besonders gut leichte Berührungen der Hände, die vom Therapeuten, von einer

Elternperson oder auch vom Kind selbst ausgeführt werden können.

Augenbewegungen eignen sich eher für ältere Kinder und Jugendliche.

Legasthenische Kinder kommen mit kleinen elliptischen Augenbewegungen oft

besser zurecht, hyperaktive Kinder mit Augenbewegungen zwischen zwei an der

Wand markierten Punkten (Shapiro, 1995).

Den Grad der emotionalen Belastung können Kinder leicht mit der Hand zu
erkennen geben, indem sie die Hand so hoch über dem Boden halten, daß der

höchste mit der Hand erreichbare Punkt der höchten Belastung entspricht. Dies

ersetzt die bei EMDR mit Erwachsenen übliche Einschätzung des Belastungsgrades

auf einer Rating-Skala. Die bei EMDR übliche Frage nach einem negativen

Gedanken über die eigene Person kann bei ganz jungen Kindern weggelassen

werden. Sobald die Kinder dazu in der Lage sind, reichen als positive

Selbstkognition relativ weit gefaßte Selbstaussagen, z.B. "Es geht mir gut",

"Ich bin sicher", "Ich darf jetzt alles sagen." Die positiven Selbstaussagen

sollten bei Kindern unter 6 Jahren vorgegeben werden, danach sollten die

positiven Gedanken mit ihnen gemeinsam entwickelt werden (Shapiro, 1995).

Zu Beginn der bilateralen Stimulation soll nach Shapiro die positive
Vorstellung des Kindes von einem Ort, an dem es sich richtig sicher fühlt,

angesprochen und verstärkt werden. Nachfolgend wird die äußere Struktur typisch

verlaufenden Kindertherapie geschildert.

 
 
 

Der Ablauf kann folgendermaßen gegliedert werden:

1. Anamnese
- nur mit den Eltern/der Elternperson

- Dauer: ein bis zwei Stunden

a) Problemgeschichte von Eltern und Kind

b) Evaluation der Bindung

c) Entwicklungsstand

d) Emotionale Stabilität, Fremd- und Selbstgefährdung (Eltern und Kind)

e) Familiäres und soziales Netz (Genogramm, Soziogramm)

f) Funktionalität der Bewältigungsmechanismen

g) Aktuelle äußere Anforderungen an Eltern und Kind (Krankheit, Prüfung)

h) Einschätzen von Intrusion und Vermeidungstendenz mit der Impact of Event

Skala nach Horowitz (Ferring & Filipp, 1994)

i) Einschätzen der dissoziativen Symptomatik (Elternfragebogen)

k) Ist EMDR die geeignete Behandlungsmethode?

Gegenindikationen bei Kindern sind: 1) keine unterstützende Elternbeziehung 2)

schwache Ich-Grenzen 3) Belastungssituationen wie anstehende wichtige Prüfungen

2. Behandlungsplanung
- nur mit den Eltern/der Elternperson

- Dauer: 50 Minuten bis drei Stunden

a) Vorschlag des therapeutischen Vorgehens und Erklärung

b) Mündliche Vereinbarung über den Behandlungsverlauf

c) Erhebung des Sicheren Ortes des Kindes

d) Anleitung zum Schreiben der therapeutischen Geschichte

3. Sitzung mit Kind und therapeutischer Geschichte
- Eltern und Kind sind anwesend

- Dauer: 100 Minuten

a) Begrüßung und Vorstellung

b) Erklärung der Regeln und des Ablaufs

        Regel 1: Es ist alles erlaubt, das niemanden stört.

        Regel 2: Es ist erlaubt, alles zu sagen.

        Regel 3: Es ist erlaubt zu sagen, was einen stört.

c) Die Eltern zeigen dem Kind den Therapieraum

d) Das erste Spiel wird vom Kind gewählt

e) Die Eltern wählen das Vorlesen der therapeutischen Geschichte

f) Der Therapeut wählt als Schlußaktivität die Sicherer-Ort-Übung

4. Nachgespräch mit den Eltern
  - nur mit den Eltern/der Elternperson

  - Dauer: 50 Minuten

a) Symptomverlauf seit der Sitzung mit dem Kind

    (für Eltern und Kind)

b) Besprechung des weiteren Vorgehens

5. Weitere Behandlungen nach Bedarf

6. Schlußevaluation und Abschied
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VI. Das Beispiel Karin

Die Methode des mit EMDR kombinierten familienorientierten therapeutischen
Geschichtenerzählens soll nun am Beispiel eines dreijährigen Mädchens namens

Karin dargestellt werden. Karin war in einer Evangelischen Kindertagesstätte

von ihrem dortigen Erzieher zusammen mit anderen Kindern durch sexuellen

Mißbrauch psychisch traumatisiert worden. Sie litt seither an Alpträumen und

entsprechenden Schlafstörungen, wusch sich zwanghaft häufig, reagierte phobisch

auf kleine Tiere und ängstlich übererregt auf Männer, die nicht zur Familie

gehörten. Neben ihrem gewohnt heiteren, intelligenten und klaren Wesen zeigte

sie nun immer wieder ganz unvermittelt eine sehr aggressive oder auch eine

geistesabwesende Verfassung. Die Eltern hatten die beschriebene Therapie für

Karin von der Kriminalpolizei empfohlen bekommen und waren motiviert, Karin

innerhalb der Therapie zu unterstützen. Zunächst lud ich nur die Eltern ein, um

mit ihnen die individuellen Symptome und Ressourcen der Tochter wie auch die

der Familie insgesamt einzuschätzen, ohne die Tochter unnötig mit belastenden

Themen zu konfrontieren. Es lagen bereits ausführliche Protokolle über die

Aussagen der Tochter vor. Auf dieser Grundlage bat ich die Eltern, eine

altersgerechte Geschichte für und über Karin zu schreiben, welche mit einer

schönen Alltagssituation beginnen, dann die traumatisierende Situation

zusammenfassen und abschließend den sichersten Ort in der Vorstellung Karins

beschreiben sollte. Ich prüfte, daß die Geschichte keine Mißbrauchshandlungen

beschrieb, die Karin nicht selbst schon genannt hatte, um sie nicht mit

vermiedenem oder verdrängten Wissen zu konfrontieren und ihr keine

Mißbrauchshandlungen zu suggerieren.

Die erste Sitzung für Karin begann mit der Vorstellung, einem Begrüßungsspiel
und der Erwähnung von drei Regeln: 1) Es ist alles erlaubt, das niemanden

stört. 2) Es ist erlaubt, alles zu sagen. 3) Es ist erlaubt zu sagen, was einen

stört. Anschließend führte der Vater Karin durch den Therapieraum und ging ihr

nach, um ihr alles zu zeigen. Karin bekam auch gezeigt, wie sie jederzeit den

Raum verlassen konnte. Ich besprach den Ablauf der Sitzung mit den Eltern und

Karin. Die Aktivität, die Karin gewählt hatte, kam zuerst an die Reihe.

Danach las die Mutter die vorbereitete Geschichte vor. Karin blickte sie dabei
unverwandt und sehr aufmerksam an. Der Vater, der sie auf seinem Schoß hielt,

drückte abwechselnd ganz liebevoll ihre linke und ihre rechte Hand. Als die

Geschichte zuende war, schwitzte Karin. Sie erhob sich vom Schoß ihres Vaters,

ging auf einen bereitliegenden Gymnastikball los und schlug mit beiden Händen

auf ihn ein. Erst als sie sich mit Schlägen ein wenig verausgabt hatte,

beruhigte sie sich wieder. Zum Schluß hatten alle Gelegenheit zum freien Malen

bei entspannender Musik.

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Das Märchen von der Karin

Es war einmal ein kleines Mädchen, die wohnte mit ihrer Schwester und ihrem
Bruder in einem Haus aus Holz. Die drei Kinder schliefen in frischen weißen

Betten. Ein kleines Vögelchen sang an ihrem Fenster. Sie saßen an kleinen

Stühlen und spielten mit ihren Puppen. Die Mutter war in der Küche. Sie schälte

Obst, kochte Marmelade und feine Suppen. Die Kinder kamen zusammen und aßen.

Dabei redeten sie viel und machten Spaß miteinander. Das kleine Mädchen saß am

liebsten neben ihrer großen Schwester.

Eines Tages kam das Mädchen in ein fremdes Land. Dort lebte ein Zwerg, der
einen Besen hatte und sauber machte auf dem Bauch der Kinder. Der Zwerg hatte

Spinnenfinger und er sagte, daß die Kinder leise sein sollen. Der Zwerg machte

mit seinem Besen hin und her. Der Zwerg machte den Fuß des kleinen Mädchen

schmutzig. Es gab in diesem fremden Land auch einen Fisch. Dieser Fisch

zauberte Schnee. Der weiße Schnee fiel auf den Rücken des Mädchens, auf ihren

Bauchnabel und auf ihren Mund. Es gab auch Löwen und Bären dort, die konnten

spritzen. Das Mädchen hatte Angst vor diesen Tieren. Das kleine Mädchen wollte

nach Hause, aber der Löwenbär hielt sie fest und schimpfte mit ihr. Er sagte,

daß sie lieb sein solle. Das Mädchen weinte und war sehr traurig. Der Löwenbär

sprang zwischen ihren Beinen hin und her und machte ein böses Gesicht. Er malte

in ihrem Gesicht. Dann führte er sie durch ein großes Tor und das Mädchen

kehrte zurück in das Holzhaus zu ihrer Mutter und ihren Geschwistern.

Bald kam der nächste Sommer. Die Kinder sahen wunderbare Sonnenblumenfelder. Da
waren auch viele weiße Kühe, die auf grünen Wiesen grasten. Die Kinder spielten

an Flüssen und schliefen in einem kleinen Zelt auf der Wiese. Das kleine

Mädchen bekam ein Fahrrad und es fuhr mit ihrem Bruder und ihrer großen

Schwester im Park spazieren. Sie konnte sehr schnell Fahrrad fahren. Das kleine

Mädchen hatte ein kleines Mützchen auf und lachte. Die Sonne schien hell und

warm. Zu Hause im Holzhaus stand die Mutter in der Küche und machte dicke,

fette Pfannkuchen mit Blaubeermarmelade. Das war wunderbar gut. Später im

Herbst blühten am Fenster lila Austern, so feine schöne Blumen. Das kleine

Mädchen saß vergnüglich neben ihrer großen Schwester und sang ein lautes,

frohes Lied. Und die große Schwester, die hatte sie sehr lieb.

Dieses Märchen wurde verfaßt von Michaela Müller.

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zuende----------------------------------

In der nächsten Sitzung mit den Eltern erfragte ich zunächst den Symptomverlauf
seit der vorausgegangenen Behandlung von Karin. Karin's regelmäßige Alpträume

mit entsprechenden Schlafstörungen waren zurückgegangen. Die Eltern hatten

keine Zwangshandlungen oder phobischen Reaktionen mehr beobachtet. Und auch das
Verhalten gegenüber Männern, die nicht zur Familie gehörten, hatte sich
weitgehend normalisiert.

Die Eltern berichteten, Karin habe sich mehrmals gewünscht, die Geschichte

erzählt zu bekommen. Sie wolle von sich aus wieder zur Therapie kommen.

Aufgrund der noch gelegentlich auftretenden Alpträume vereinbarten wir weitere
Sitzungen mit Karin und den Eltern. Sechs Monate nach der ersten Behandlung von

Karin war die dort erreichte Veränderung stabil geblieben und die Häufigkeit

der inzwischen seltenen Alpträume weiter zurückgegangen.

Während es mit Kindern jeden Alters möglich ist, die Erinnerung an ein
traumatisches Ereignis direkt anzusprechen, erscheint die Einbeziehung der

Eltern und das Verfassen eines Märchens von besonderer Bedeutung, um die

Sprachlosigkeit angesichts des Traumas zu überwinden und eine kindgemäße

Sprachebene zu finden. Sind die Eltern nicht bereit oder in der Lage, ein

Märchen zu verfassen, sollte auf andere Formen, das Trauma anzusprechen,

zurückgegriffen werden. Shapiro (1995) beginnt die bilaterale Stimulation mit

der Vorstellung eines sicheren Ortes und geht dann mit der Frage:"Stell' Dir

vor, wie es passiert ist!" zur Bearbeitung der traumatischen Erinnerung über.

EMDR mit Kindern steckt selbst noch in den Kinderschuhen, so daß es weiterhin
gilt, die bisherigen Erfahrungen zusammenzutragen. Die überraschend hohe

Wirksamkeit von EMDR bei Kindern legt nahe, traumatisierten Kindern günstige

Prognosen zu stellen. So sehr die vorliegenden Erfahrungen Grund zur Hoffnung

geben, so falsch wäre es, für ein bestimmtes Kind den Heilungsverlauf

vorherzusagen. Zu hohe Erwartungen von Eltern, Lehrern oder Freunden des Kindes

über den Therapieerfolg setzen das Kind unnötig unter Druck (Silver & Wortmann,

1980). Umgekehrt sollten das Kind und die Menschen in seiner Umgebung lernen,

die Symptome zu verstehen und mit ihnen zu leben. Wenn Erwachsene erkennen, daß

das Trauma noch Einfluß auf das gegenwärtige Verhalten des Kindes hat, werden

sie es nicht mit einer Überreaktion, einem Charakterzug des Kindes oder

elterlichem Versagen verwechseln.

 

Literatur

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